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Logbuch

Julia Heilmann-Schuricht
am
13.November 2016

Dieser Tage will mir das Schreiben nicht so recht aus der Hand fließen..warum? Weil ich kaum Worte finde für das, was gerade auf täglicher Basis geschieht. Die vielen Ebenen, die berührt werden und wie wenig es möglich ist, das zu reduzieren auf „Energie“ oder Tagesqualitäten. Zum einen, weil ich mitbekomme, als Therapeut, als Freund, als Verwandte, wie viel Angst, wie viel Stress bei vielen Menschen gerade ausgelöst wird-und wie wenig das zum Teil dazu passt, wie ich selbst das alles erlebe-ich aber diese Angst, diesen Stress und auch die Verzweiflung nicht klein reden möchte-nicht minimieren möchte durch Berichte darüber, wie „großartig“ diese Tage sind. Also lasse ich es größtenteils, denn eigentlich bringt jeder Tag für mich gerade so viel Tiefe. Tiefe, die ich fast ein wenig vermisst habe,Tiefe, die anstrengend ist, Tiefe, die sich nicht wegschieben lässt, Tiefe, die ich aber auch nicht so teilen kann, weil sie sehr persönlich ist. Hier und da bekomme ich ein paar Berichte zu lesen..überfliege sie, Berichte zu Tagesqualitäten, Wellen-und ich merke, wie ich müde werde, so etwas zu lesen-fast so müde, wie darüber zu schreiben-weil es einerlei ist. Was nützt es den Menschen, die gerade durch das Erleben schwerer Krankheit gehen, durch das Erleben von Tod und Verlust, durch das Erleben von Hunger und Armut, zu hören, dass Liebeswellen auf den Planeten treffen? Wie fühlen sich diese Menschen, wenn sie das hören? Gestärkt? Oder vielleicht eher „außen vor“? Vielleicht eher allein gelassen mit alldem, was über sie hereinbricht? Wenn etwas zutrifft auf diese Zeit, dann das: Niemand kommt aus. Keiner kann dem entgehen, was er im Keller so gut versteckt hatte-und das klingt vielleicht banal, äußert sich aber teilweise dramatisch in den Leben vieler Menschen und angesichts dieser Dramatik fällt es mir schwer, von meiner kleinen Insel aus zu berichten, wie sich eins ins andere fügt.

Mir sprengt es dieser Tage immer wieder fast den Brustkorb vor Mitgefühl. Da gibt es den Teil von mir, der weiß-wirklich weiß, wie wundervoll das, was sich gerade entfaltet tatsächlich ist-und den anderen Teil, der sieht und merkt, dass es für viele Menschen eben alles andere als „wundervoll“ ist. Mit viele meine ich-den Großteil der Menschen, noch nicht einmal der Menschheit, denn die kenne ich ja nicht persönlich, sondern der Großteil der Menschen, die mir begegnen. Natürlich kenne ich Menschen, die zumindest versuchen, ihr Herz zu sein, dem zu folgen, das zu leben-doch auch sie oder vielleicht besonders sie, werden gerade damit konfrontiert, wo sie das eben nicht tun-oder wo das ihre Großmutter nicht getan hat, denn tatsächlich ist es eher so: je mehr du selbst Deinen „Kram“ erledigt hast, desto mehr „Kram“ aus allen Generationen vor dir und aus dem Kollektiv brandet bei dir an-und will erlöst werden, nach Hause gebracht werden-„sterben“. Und wer auch immer ein Problem mit dem Sterben hat, mit dem Loslassen oder auch nur mit Veränderung, der hat gerade eine gelinde gesagt sehr herausfordernde Zeit.

Wie hat sich das alles in meinem Leben gezeigt? Auch sehr herausfordernd. Von Existenzthemen, über Beziehungsthemen über Fragen, die sich mir so nie gestellt hatten, weil sie nie berührt wurden, ist alles dabei. Ich frage mich manchmal, wie „gerecht“ das alles ist. Wie gerecht es ist, dass ich zB die nötigen Erlebnisse bereits gemacht habe, die es mir ermöglichen, nicht mit Angst zu reagieren. Wie gerecht es ist, dass dies auf viele Menschen nicht zutrifft. Und die Antwort kann hier nicht auf menschlicher Ebene gegeben werden. Auf menschlicher Ebene gibt es da keine Gerechtigkeit. Weswegen jeder, der meint, durch das, was er persönlich in seinem Leben „erreicht“ hat, transformiert hat, bereits erledigt hat-und deswegen jetzt in diesen Tagen, auch die Geschenke erlebt, die diese Zeit bringt-die tiefe Liebe, die Wunder, das Berührt-Sein und die Magie, aufgerufen ist, etwas davon abzugeben. Raus zu gehen-da zu sein. Nicht missionarisch, nicht besserwisserisch, sondern anteilnehmend. Manchmal reicht ein Lächeln. Denn viele Menschen werden für das Leben, das sie jetzt und hier führen keine „Lösungen“ mehr finden. Für viele Menschen ist ein Moment der Anteilnahme, der Präsenz, der aufrichtigen Anerkennung ihres Lebens, schon eine Perle, die ihnen das gibt, was sie sonst nirgends erhalten können. Die Liebe, die sich gerade ausbreitet, ist kein Kuschelelixier. Sie ist gnadenlos-und berührt alles, was zuvor erstarrt war-und das ist selten angenehm. Jeder der dachte, dass Liebe eine rosa Wolke ist, wird gerade eines besseren belehrt. Liebe, so wie ich sie wahrnehme, ist Wirklichkeit, Kraft und diese Kraft ist unerbittlich. Für viele Menschen ist sie einfach zu viel. Zu viel, was sie anders betrachten müssten, zu viel, was sie aufgeben müssten-zu viel von allem. Zu dem, was gerade die Welt bewegt, zur Wahl in Amerika-möchte ich nur eines sagen: Es ist ein großes Schauspiel-und auch hier werden wieder alle Gruppierungen aktiv-die Verschwörungsfanatiker, die schwarz und weiß Maler, die „Lichtboten“-all das ist auf eine Art in Ordnung, geht aber für mich völlig an dem vorbei, was jeder Einzelne tun kann. Jeder Einzelne kann aufstehen und versuchen, sein Leben mit Sinn zu füllen. Aktiv zu werden, nicht indem er herausfindet, welcher der großen Politiker gut oder böse ist, sondern, indem er guckt, wo er sich frei machen kann, wo er unabhängig sein kann von dem, was da „entschieden wird. Indem er Gemeinschaftsprojekte anstößt, sich in seinem direkten Umfeld engagiert-und einen Unterschied macht. Also nichts über den Supermond. Nichts über das 11.11 Tor, nichts davon..einfach nur: Lasst euch berühren und berührt. Lasst  die Schleusen offen-es gibt nichts zu verlieren..

In diesem Sinne,

Grüße von hier, Julia

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